16.Sept. 1962, 13 n. Trin.             Wolfenhausen/Nellingsheim

 

506,1-4 Kommt ins Reich der Liebe      (275)

244,1-5 Ich ruf zu dir                      (120)

217,6.7 Herz und Herz                   (109)

254,6.7 Ich will dich lieben            (124)

 

Lukas 10, 25-37          1. Johannes 4, 7-16

 

Liebe Gemeinde!

 

Das geht uns ein: Gott ist Liebe.

Er gefällt uns, dieser Satz, besonders dann, wenn er von uns in einer eingängigen Melodie gesungen werden kann! Gott ist Liebe: Das verleiht uns ein erhebendes Gefühl der Sicherheit, der Ruhe, der Geborgenheit. Damit kommen wir weg über die Widrigkeiten, die Gefahren und Sorgen und Kümmernisse dieser Welt. Gott ist Liebe - er liebt auch mich! Mag sie mir es noch so schwer machen, diese Welt – Gott ist Liebe, bei ihm kann ich mich trösten. Mag es auch noch so sehr zugehen auf dieser Welt – wir können doch in unseren Gedanken uns zu dem guten Vater droben überm Sternenzelt flüchten!

Freilich, so geht uns das ein, dieses: Gott ist Liebe. Solange geht uns das ein, als wir diesen lieben Gott nicht anders kennen denn als das Ziel unserer Wünsche und Hoffnungen und Sehnsüchte, in welchen wir uns flüchten aus dieser Welt, die nun einmal gar nicht nach Liebe aussieht. Solange wir aus dieser Welt und ihrer Beschwernis uns zu Gott flüchten, solange geht uns das leicht ein, jenes: Gott ist Liebe. Aber ist denn dieser Gott, von dem wir da singen, dieser Gott, der die Liebe ist, nicht bloß ein ausgedachter und eingebildeter Gott, einer, den es gar nicht wirklich gibt, ein Wunschtraum unserer Phantasie, ein Trostpflästerchen, das gar nichts hilft? Denn jene Welt, jene raue und harte Wirklichkeit, in der wir leben und in der wir uns zurechtfinden müssen: Ist die nicht auch Gottes? Wenn anders er Gott ist, dann muss er doch können, was er will! Und wenn er kann, was er will, und tut was er kann; ist dann nicht gerade all das, was auf dieser Welt geschieht, sein Werk? Was auf dieser Welt geschieht! Was uns Not macht, was uns ja gerade dazu treiben möchte, zu der Liebe Gottes zu flüchten. Ist er nicht in Wirklichkeit gar nicht da, wo wir das meinen, wenn wir ihn suchen mit unserer Sehnsucht nach Frieden und Ruhe und Geborgenheit?

Ist er nicht gerade hier, in der Welt, in dieser Wirklichkeit, die uns umgibt, und die uns oft genug auch recht beschwerlich ist!

Aber wenn der Gott ist, der diese Welt bewirkt – was dann? Dann ist es doch wohl nichts mit jenem Gott ist Liebe! Denn wie sollte es möglich sein, in dieser Welt des Kampfes, des Schmerzes, des Leides und des Todes, jene Liebe Gottes aufzusuchen.

Seht: wo wir einmal so anfangen zu fragen, da wird uns das nicht mehr so leicht eingehen, diese: Gott ist Liebe. Da werden wir vielleicht nicht einmal mehr danach fragen, ob denn nun die Liebe  Gottes Wesen bestimmte oder vielleicht eine zornige Gerechtigkeit, welche dem Bösen nach dem Leben steht. Wir werden dann viel eher danach fragen, ob es denn überhaupt einen Gott gebe, und ob diese Welt eben nicht durch einen blinden Zufall zusammengefügt worden sei und in Gang gehalten werde!

Seht: Gott, das ist die Wirklichkeit, die wir erfahren, die wir erleben!

Gott – das ist nicht etwas, das wir uns ausdenken, wie es sein sollte, wie es aussehen sollte, wie wir es haben wollten. Nein! Gott ist die Wirklichkeit dessen, was ist. Und wir wären alle miteinander dumm dran, Opfer einer falschen Aberglaubens, wenn wir das nicht begriffen. Jawohl! Wir sollen unsere Erfahrung, unsere Lebenserfahrung, mit nehmen, wenn wir uns auf den Weg machen, Gott zu suchen. Wir sollen nicht so tun, als ob diese Welt eines sei, und Gott etwas ganz anderes. Nein! Er ist die Wirklichkeit dieser Welt, die ins Nichts zerfallen müsste, ohne Gottes Willen, der sie erhält und bestehen läst.

Das müssen wir sehen. Und werden dann wahrscheinlich auch nicht mehr so einfach dazukommen, das zuzugestehen, dass Gott Liebe ist!

Aber darauf kommt es ja an, dass wir sie finden, diese Liebe Gottes, von welcher der Apostel Johannes in so hochgemuten Worten redet. Darauf kommt es an, dass wir diese Liebe finden, in dieser Welt, finden, und darum merken und erfahren können, dass diese Welt samt uns die Welt des Gottes ist, der die Liebe ist.

Freilich: Diese Erfahrung, die ist nicht einfach im geraden Weg zu machen. Auch nicht so, dass wir anfangen, eben nur die guten und schönen und positiven Seiten dieser Welt hervorzuheben und an anderen vorbeizusehen. Denn es kommt eben alles von Gott, Glück und Unglück, Leben und Tod, Armut und Reichtum. Und nur so werden wir den Gott, der Liebe ist, richtig erfassen können, dass wir ihn in seiner ganzen Wirklichkeit erfassen.

Seht: Es gehört zu diese ganzen Wirklichkeit Gottes dazu unsere menschliche Freiheit, die Gott uns als seinem Bilde verlieh. Diese Freiheit, dass wir so können und auch anders – diese Freiheit, deren wir inne wurden in unserer Schuld.

Nur so und nicht anders erfassen wir Gottes Wirklichkeit, dass wir sie in dieser Schuld erfassen als den Einklang, welchen wir verfehlt haben.

Seht – das ist ja diese Wirklichkeit Gottes, dass er sich den Menschen, uns als sein freies Gegenüber setzte, - nicht als die, mit welchen er spielen wollte, wie ein Kind mit seinen Puppen spielt, sondern so, dass er uns gelten lässt, uns gelten lässt gerade in unserem eigenen Willen. Seht – da wird diese Welt uns gewiss nicht einfach besser und vertrauter und heimlicher, wenn wir diese unsere Freiheit erfassen, unsere menschliche Möglichkeit zu Gott hin, die wir in unserm Gewissen doch nicht anders zu erfahren vermögen denn als eine verspielte Möglichkeit. Wohl, wir werden das sehen können, und werden dann nicht einfach Gott fragen, warum dass eigentlich so sei, wie es ist. Wir werden vielmehr bereifen lernen, dass die Welt, diese Welt, in der wir leben, wie wir sie vorhin als Gottes Werk bezeichneten, genauso gut als unser Menschenwerk bezeichnet werden kann.

Das ist im Grunde eine ganz einfache und fast selbstverständliche Tatsache, dieses Miteinander von Gott und Mensch, welches diese Weltwirklichkeit bestimmt.

Bloß, dass wir das sehr wenig wahr haben. Dass wir mit Vorliebe den Erfolg, den Fortschritt, das Positive dieser Welt unseren Tun zuschreiben, während wir dort, wo es übel zugeht, von Schicksal und Zufall und Gott reden. Nein! So kommen wir nicht weiter. Denn wir wissen, dass das nicht wahr ist! Unser Gewissen sagt es uns anders. Zeigt und das Verderben, das wir in Gottes Welt angerichtet haben und weiter anrichten.

Und wo wir unserer Taten nicht mehr Herr werden, da fliehen wir dann zum lieben Gott!

 

Nein! Gott ist Liebe: Das ist etwas ganz anderes. Das heißt: Gott lässt uns gelten trotz unserer Schuld. Gott lässt uns gelten – mit dieser Welt zusammen gelten, die so wunderbar sein kann, lässt uns gelten wegen der Liebe Jesu Christi: Gott ist Liebe – das heißt die Macht, die diese Welt zusammenhält, die sie eint, diese Macht ist stärker als unsere Schuld, die trennt. Darum sollen wir in dieser Liebe leben, mehr Gott machen lassen in dieser Welt, ihn sein lassen, was er ist, in unserem Tun: Liebe. Dann werden wir ihn erfahren, wie er wirklich ist.

Amen