6.9.1981 12.n.Trinitatis         Martin-Luther-Kirche, Büchenbach

 

EKG 336,1-4      All Morgen ist ganz frisch und neu

Intr. 16

188,1+2              Nun lob, mein Seel

188,3-5

198                      Lobe den Herren

 

Herr, unser Gott,

der du uns berufst durch das Evangelium deines Sohnes Jesus Christus, wir bitten dich, gib uns offene Ohren, dein Wort zu hören, und Augen, die dein Werk sehen und dir vertrauen durch unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir in der Einheit des Heiligen Geistes lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.

 

Herr,

zeige uns deine Herrlichkeit und hilf uns, denn du allein kannst helfen, wie wir es nötig haben.

Wir bitten dich für deine Kirche: Lass dein Wort Gehör finden und tröste alle, die auf dich warten, durch deine Gegenwart in Wort, Brot und Wein.

Wir bitten dich für alle, die Gewalt leiden. Lass du das Recht hervor gehen, dass wir uns freuen mit allen Elenden auf Erden.

Wir bitten dich für alles bedrohte Leben, dass es weiter gehe und aufblühe, und wir dich preisen mit allen deinen Geschöpfen! Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

es geht dem Prediger nicht anders als denen, die ihm zuhören und sich von ihm einen biblischen Text auslegen lassen: manchmal erschließt sich dieser Text rasch. Ich weiß dann eigentlich vom ersten Lesen an, was mir da gesagt wird, und was ich selbst zu sagen habe. Es gibt andere Texte, die Mühe machen, weil sie lange stumm bleiben. Und diesen Text hier aus dem Buch des Propheten Jesaja, hätte ich mir wohl kaum gewählt, wenn er nicht nun einmal in der Ordnung der Predigttexte für diesen Sonntag vorgeschrieben wäre. Eine Zeit lang habe ich mir sogar überlegt, ob ich den Text nicht beiseite legen und mir einen anderen auswählen solle.

Aber ich bin dann doch bei diesem Text geblieben, und will zunächst einfach einiges zu dem sagen, was hier die Auslegung erfassen kann. Es ist sicher nicht der Prophet Jesaja selbst, der hier zu uns redet. Es ist einer aus dem Kreis derer, die die Worte dieses Jesaja weiter gegeben und aufgeschrieben und ausgelegt haben. Wahrscheinlich war ihm der Prophet Jesaja etwa so fern, wie uns Martin Luther, nachdem wir unsere Kirche hier in Büchenbach benannt haben, aber zugleich auch so nah, dass er sich mit ihm eins wusste, in seinem Namen redete.

Wenn ich mir das so überlege, ihn so sehe, dann wird mir dieser Mann, von dem ich nur die paar Worte kenne, sehr viel vertrauter. Er ist dann nicht mehr fern und fremd, sondern mir in Vielem ganz unmittelbar nah. Ich kann ihn mir vorstellen. Er hat das Buch in Verwahrung, die Aufzeichnung der Prophetenworte, mit der Jesaja selbst einst anfing, und die dann immer wieder ausgelegt, und von geistesmächtigen Propheten aus dem Schülerkreis weiter geführt und ergänzt worden ist. Dies Buch ist sein Halt, so, wie ich mich an die Bibel halte, die ich zu verstehen und auszulegen und zu erklären habe. Aber wer fragt schon nach diesem Buch? Das ist damals nicht viel anders gewesen als heute. Und nun stehen in diesem Buch die Worte, die Jesaja bei seiner Berufung gesagt bekommen hat: „Geh hin, und sprich zu diesem Volk ...“ (6,9-12) Wie lange soll das so gehen? Das ist die Frage, die diesen Prophetenjünger da umgetrieben hat. Seine Frage ist uns gewiss nicht fern. Wie lange noch soll das weiter gehen? Wir können aus seinen Worten leicht erschließen, wie es seinerzeit zugegangen ist, und es fällt uns auch nicht schwer, Vieles von dem, was diesen Propheten damals Not gemacht hat, auch in unserer eigenen Zeit wieder zu erkennen. Nicht nur dies, dass keiner sich um das Buch und seine Wahrheit kümmert – dass sie da alle verklebte Ohren und blinde Augen haben. Nein – auch das sehe ich doch genau so, wie das Recht durch die, die an der Macht sind, verdreht wird – das Völkerrecht zumal. Und es sind doch nicht bloß die anderen, die dieses Recht beugen, ohnmächtig sehen wir zu, wie die neue Administration in Amerika ohne Skrupel durchsetzt, was sie für ihr Interesse hält. Und wir sind mit dabei, sollten dem Recht vertrauen, das unser Leben und unsere Sicherheit schützt, und können nicht anders, als hier zweifelnd du schon fast verzweifelt sagen: Wie lange? Wie lange kann das überhaupt noch gut gehen?

Ich spare es mir, das weiter aus zu malen – das Bild ist dunkel genug. Und in der Erfahrung der Ohnmacht, die erdulden muss, was sie nicht ändern kann, da bin ich ganz nahe zusammen mit diesem Prophetenjünger, kann ihn gut verstehen, weil mich genau das Gleiche umtreibt wie ihn: Wie lange soll das noch so weiter gehen? Wie lange kann das noch so weiter gehen? Dass da die Erwartung wächst, und die Ungeduld, das liegt nahe. Und dass dann diese Botschaft formuliert wird: „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile“ – dann ist es soweit. Dann kommt in Ordnung, was jetzt im Argen liegt. Das Buch kommt zu seinem Recht, die Verstockung hat ein Ende. Und dann kann sich freuen, wer jetzt verzweifelt: Denn das Recht ist Recht unter den Menschen, weil es mit den Gewalttätigen zu Ende geht. Und Gott ist Gott, weil seine Werke offenkundig sind.

Verständlich ist das schon, wenn einer da auf die Frage: Wie lange noch? Die Antwort gibt: Es kann nicht mehr lange dauern. Wenn er das zu sagen wagt: Bald wird es anders. Aber gerade weil das so verständlich ist, gerade weil ich ihn so gut begreifen kann, diesen Prophetenschüler da, frage ich mich: Wie ist denn ein solches Wagnis zu rechtfertigen? Ich wollte es ihm ja gerne nachtun und sagen: „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile“ – nicht der 3. Weltkrieg mit sienen unvorstellbaren Schrecken rückt uns näher und näher; nicht die Zerstörung unserer Umwelt, die Verknappung der Rohstoffe, der Kampf ums Überleben ist es, der die nächsten Jahre und Jahrzehnte kennzeichnet – sondern dies Unbegreifliche, dass die Tauben hören und die Blinden sehen und die Armen und Elenden können voll Freude sein, weil Recht herrschen wird und nicht Gewalt. Ich wollte das gerne nachsagen, so deutlich und direkt wie möglich: Bald ist es soweit.

Aber da zögere ich nun doch. Nicht deshalb nur, weil dieser Prophet damals vor mehr als 2000 Jahren sich wohl doch getäuscht hat, als er sagte: Wohlan, es ist noch eine kleine Weile! Was weiß ich, ob er in einem tieferen Sinn nicht doch recht gehabt hat. Ich zögere, weil ich doch nicht einfach deshalb sagen kann: Wohlan, es ist noch eine kleine Weile – weil mir je länger desto mehr das, was geschieht, unerträglich erscheint. Ein solcher Hinweis, eine solche Hoffnung, wie sie sich hier ausspricht, braucht ihre Begründung.

Ich will auch hier nun bei dem Text bleiben und die Begründung ausführen, die er gibt. Sie ist zweifach. Einmal wird darauf hin gewiesen, wie es Gott ist, von dem allein eine Änderung zu erhoffen ist. Und weiter erinnert der Prophet an das, was Gott doch schon getan hat! Es ist allein Gott! Darum der Hinweis, mit dem der Text beginnt: Der Libanon, das Waldgebirge, unwirtlich und unheimlich für die Menschen damals, soll zu einem Fruchtgarten werden. Und was jetzt solches fruchtbare Land ist, mühsam dem unwirtlichen Klima, der Bedrohung durch Dürre und die vordringende Wüste abgerungen, wird sein wie ein Wald: Von selbst wächst es in Hülle und Fülle. Das kann allein Gottes Werk sein. Und so ist es mit allem, was der Prophet erwartet: Dass die Tauben hören und die Blinden sehen, und es mit den Gewalttätern und Rechtsverdrehern und Spöttern ein Ende hat. Allein von Gott kann die Änderung kommen. Wir warten und hoffen und tun allenfalls in solchem Warten und Hoffen diesen und jenen kleinen Schritt. Wir beten und gehen dem nach, was wir erbitten.

Und solches Warten und Hoffen geht nicht ins Blaue hinein, hat nun doch seine Begründung in dem, was gewesen ist: Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt da stehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Erinnert wird da an das, was gewesen ist, und darum auf Gott hoffen lässt! Dass das Evangelium gehört wird und ein Hunger nach Gottes Wort da ist – wie zur Zeit Martin Luthers. Dass Gott Menschen ruft und mit ihnen einen neuen Anfang setzt, wie zur Zeit der Erwählung Abrahams. Dass er Vollmacht gibt, seinen guten Willen und sein Recht zu erkennen und zu lehren, wie zur Zeit Moses. Ja, das er dem hilft und ihn errettet, der auf ihn vertraut und unbeirrt seinen Weg geht, wie er Jesus Christus am dritten Tag auferweckt hat. Im Blick darauf lässt sich sogar das nachsprechen: Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Amen.