Exaudi, 26. Mai 1963 Wolfenhausen/Nellingsheim

Johannes 7,37-39

 

Schmalkaldische Artikel:

Summa: der Enthusiasmus sticket in Adam und seinen Kindern von Anfang bis zu Ende der Welt, von dem alten Trachen in sie gestiftet und vergiftet, und ist aller Kezterei, auch des Bapstums und Mahomets Ursprung, Kraft und Macht. Darum sollen und müssen wir darauf beharren, dass Gott nicht will mit uns Menschen handeln denn durch sein äußerlich Wort und Sakrament.

 

90              Christ fuhr gen Himmel          (26a)

193, 1-6     Wo Gott der Herr                  (269)

142, 1-3     Erhalt uns Herr             (65)

499, 10      Du Wort des Vaters              (63)

 

Liebe Gemeinde!

 

Er, Jesus, ist es, von welchem die Schrift sagt, dass von seinem Leibe Ströme lebendigen Wassers ließen werden. Er ist es, der sie alle zu sich ruft, die dürsten, und ihnen verheißt, dass sei bei ihm satt werden können. Er ist es, der nun verherrlicht ist, und der darum mit seinem Sterben und mit seiner Auffahrt zu Gott die Sendung des Geistes ermöglicht hat. Gewiss – das sind zunächst einmal nur Worte. Aber wir tun gut daran, diese Worte nicht gering zu achten. Denn nur so können wir uns vor einem falschen Verständnis dessen hüten, was hier Geist heißt.

 

Geist – Das ist nicht einfach Erleben, ist nicht einfach Gefühl, ist nicht einfach hingerissen sein der Seele. Geist, das ist vielmehr: Hören und Glauben – oder, wie es Jesu hier bildhaft sagt: Kommen und Trinken. Hören und Glauben – nicht Erleben und Gefühl, so gewiss das auch mit dabei sein kann, wo das Hören und der Glaube da ist.

 

Ich weiß, warum ich das so betone! Wir alle stehen immer in der Gefahr, den Geist vom Wort zu trennen. Stehen in der Gefahr, indem wir vom Hören und Glauben weiterdrängen zu Erleben und Gefühl, die Quelle des Lebens zu verlieren. Er, Jesus, ist es, von dem die Schrift sagt, dass von seinem Leibe Ströme lebendigen Wassers fließen werden. Er, Jesus ist es!

Und wir können uns dies Bild so verdeutlichen: Nur durchs Wort kommt der Geist, nur im Wort kommt der Geist, und ist nicht vom Wort zu trennen, so, dass wir ihn zu einem Besitz machen könnten.

 

Ich sagte: Wir versuchen es immer wieder, vom Wort und vom Hören und vom Glauben weiterzudrängen zu Erleben und Gefühl. Und dann halten wir uns an dies Erleben, halten uns an dies Gefühl – und meinen, da hätten wir den Geist. Da hätten wir die Gewissheit unseres Glaubens, unserer Gotteskindschaft. Er treibt die Sekten hervor, dieser unser Trieb, vom Hören und Glauben weiterzugehen zu Erleben und Gefühl, und er macht die Unsicheren und Zweifelnden und Ungläubigen. Erleben – etwas Besonderes, Erhebendes, Mitreißendes – die Gewalt des Geistes erleben – das treibt uns zum Außerordentlichen. So gut und nützlich beispielsweise eine Evangelisation sein kann, wenn sie in der rechten Treue und Nüchternheit geschieht – wie leicht gleitet sie ab in das Verlangen nach geistlicher Sensation. Bist du bekehrt? Hast du`s erlebt? Hast du die Gnade erfahren und gespürt? – O wohl! Nichts gegen die Bekehrung zum Herrn. Aber das heißt dann gerade: Nichts habe ich, gar nichts, worauf ich mich verlassen kann! Nicht die Inbrunst meiner Gebete, nicht die Erinnerung an meine Umkehr, nicht die äußeren Wandlung meines Lebens. Nichts habe ich, worauf ich mich verlassen kann, als allein das Wort! Das heißt Bekehrung, dass ich gar nichts auf mein Erleben gebe, dass ich gar nichts auf meine Wandlung gebe, sondern weiß: Er allein tuts.

 

Seht – wir wollen hinaus aus dem Hören und Glauben, wollen hin zum Erleben, wollen den Geist erfahren! Darum laufen sie den Pfingstevangelisten nach, den Sektenpredigern, die eine Versammlung zum Schreien und Toben bringen können – das gibt es! Und nachher heißt`s: Da ist er, der Geist – wir haben`s erlebt, haben`s gespürt. Nichts damit! Er, Jesus, ist es, von dem die Schrift sagt, dass von seinem Leibe Ströme lebendigen Wassers fließen werden. Wir wollen hinaus über Hören und Glauben, hin zu Erleben und Gefühl – daher kommen die Sekten, die nicht genug haben am Wort, die sich verlassen auf das Außerordentliche – die meinen, sie hätten den Geist in ihrer Erfahrung, und brauchten nicht mehr eben nur, ganz schlicht und ohne jede Sicherheit, zu hören und zu glauben. Sie berufen sich auf ihre Erfahrung, auf die Erfahrung ihrer Bekehrung, ihrer Heiligung, auf Stimmung und Gefühl ihrer Versammlungen, auf Zungenreden und Wunder und Krankenheilungen. Aber es kommt da auch Zweifel und Unglaube heraus – nicht nur jener Hochmut und die falsche Sicherheit, die wir alle kennen. Denn da fragt dann einer: Und ich? Ich habe nichts erfahren von dem, wovon diese da reden. Ich, ich habe gebetet, und bin doch kein Anderer geworden. Ich plage mich herum mit meinen alten Sünden, mit meinen Jähzorn und Hass, mit meiner bösen Lust, mit meiner Geschwätzigkeit und Unehrlichkeit. Also geht das Wort, geht der Geist anscheinend an mir vorbei! Er springt der Unglaube heraus aus diesem unserem Verlangen, der sagt: Ich erlebe gar nichts! Es ist nichts los in der Kirche. Der Pfarrer sagt seine Sache – wohl – aber der wird ja auch dafür bezahlt. Wer weiß, ob er`s überhaupt selber glaubt, was er da vorbringt. Wenn sie nicht mehr zu bieten haben in der Kirche, dann danke ich.

 

Liebe Freunde! Wir kennen das alle, dieses Verlangen, mehr zu haben als das Wort. Kennen dies Verlangen, vom Hören und Glauben möge es weiter gehen zu Erfahrung und Erleben und Gefühl – dass wir doch eine Sicherheit hätten, auf der wir stehen können. Martin Luther hats einmal in den Schmalkaldischen Artikeln so gesagt: „Der Enthusiasmus sticket in Adam und seinen Kindern von Anfang bis zu Ende der Welt, von dem alten Trachen in sie gestiftet und gegiftet, und ist aller Ketzerei, auch des Babsttums und Mahomets Ursprung, Kraft und Macht. Darum sollen und müssen wir darauf beharren, dass Gott nicht will mit uns Menschen handeln denn durch sein äusserlich Wort und Sakrament.“

 

Gerade darum aber werden wir uns hüten, ein anderes zu erfragen als eben dies Wort, nur dies allein: Wen da dürstet, der komme zu mir; und es trinke, wer an mich glaubt!

 

Freilich, es wird uns das nicht leicht fallen. Denn so einfach es aussieht, wenn wir so sagen: Sein Wort macht´s, allein durch dies Wort und in diesem Wort ließt die Quelle des lebendigen Wassers – so schwer ist es doch, nur hier dabeizubleiben. Denn wir wollten ja so gerne die Wahrheit dieses Wortes erweisen, wollten so gerne darauf hinzeigen: Da, da könnt ihr es sehen, dass dieses Wort wahr ist! Da merkt ihr es – das könnt ihr machen, das müsst ihr tun – dann habt ihr´s! Und können doch gar nichts anderes, als eben zu warten, dass dies Wort seine Wahrheit an uns bewähre, an unseren Herzen und Gewissen. Seht: Nicht anders haben wir sie, diese Wahrheit, als dass wir auf sie warten. Als dass wir in unserer Armut dabeibleiben, dass wir gar nichts haben als dies Wort – und dass es allein uns reich macht. So sind wir dran, dass wir warten, auf unser Pfingsten warten, auf den Geist, dessen Quelle er allein ist, Jesus.

Er, von dem die Schrift sagt, dass von seinem Leibe Ströme lebendigen Wassers fließen werden.

 

Seht- wir wüssten schon, wo uns der Schuh drückt – oder, um mit den Worten des Evangeliums zu reden, wo wir gerne trinken wollten. Wir merken, wie uns die Jagd unserer Zeit hat. Ist es nicht die Jagd nach dem Lebenswasser? Ist es nicht die Jagd, in welcher wir alle mitgerissen werden? Die Arbeit, sie kann uns nicht mehr befriedigen. Wie sollte sie auch? Sie ist doch anders geworden als früher – wo es ein Schaffen war, in welchem einer seine Befriedigung finden konnte. Heute, da hat er dies oder jenes zu tun - immer dasselbe, ohne dass er sein Werk schaffen könnte. Nein – darauf kommts an, sein Geld zu verdienen – und das Leben, das beginnt erst nach Feierabend. Aber was für ein Leben? Ist`s nicht im Grunde genauso leer geworden, wie die Arbeit. Was haben wir davon, einen Abend beispielsweise von dem Fernsehapparat zu sitzen? Was haben wir davon, uns in diese oder jene Zerstreuung zu stürzen?

 

Seht: Da wüssten wir schon, dass hier der Platz wäre, wo man nun sagen sollte, wie man das anders macht, besser macht! Ich weiß es nicht zu sagen. Und habe auch noch keinen getroffen, der es gewusst hätte, wie diesem Leben, durch das wir da jagen in Arbeit und Feierabend und Arbeit, welche Freude und Kraft gegeben werden könnte. Nur das weiß ich zu sagen: Wo wir am Wort bleiben, da sind wir nicht allein mit dieser Armut. Sondern da haben wir etwas zu hoffen! Er steht uns dafür.

Amen.