Misericordias Domini, 14.4.2002, Hebräer 13,20.21

Liebe Gemeinde!

Mit herzlichen Grüssen und den besten Wünschen schliessen wir unsere Briefe ab. Dabei überlassen wir es gerne den Empfängern, sich genauer auszumalen, was das für Wünsche sein sollen. Alles Gute! Natürlich soll es das sein. Aber das wissen die, an die wir schreiben, doch sicher besser, was das dann in ihrer besonderen Lage gerade sein soll. Nicht so der Autor des Hebräerbriefes. Sicher, auch er schließt seinen Brief mit herzlichen Grüssen und den besten Wünschen. Aber er lässt nicht offen, was er denen wünscht, an die er seinen Brief geschrieben hat: "Der Gott des Friedens aber, der den grossen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten herausgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen".

Wir wissen: Mit dem Wünschen ist das so eine Sache. Zwar: Im Märchen gibt es die Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat. Aber das ist vorbei. Und wenn mich die Verkäuferin freundlich fragt: "Haben Sie noch einen Wunsch?", dann könnte ich viele Wünsche nennen; aber die kann mir diese Frau natürlich nicht erfüllen. Mit dem Wunsch am Schluss des Hebräerbriefes ist es anders. Da ist nicht bloß der Briefschreiber, der seine Wünsche für die Empfänger seines Briefes formuliert. Vielmehr nennt er auch und zuerst den, der diese Wünsche erfüllen wird. Das ist gut so. Es entlastet uns von dem Druck, unter dem wir oft genug seufzen, gerade wenn wir es selbst sind, die sich so Druck machen.

Den Willen Gottes, den wir tun sollen, den meinen wir ja ganz gut zu kennen. Wir können dann auch mindestens in groben Umrissen und ziemlich pauschal beschreiben, was das ist: Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen. Die Bewahrung der Schöpfung vor Ausbeutung und Zerstörung. Achtung vor dem menschlichen Leben in seiner unverwechselbaren Personalität! Nicht, daß ich diese Zielsetzungen und ihr Recht bestreiten wollte. Friede und Gerechtigkeit fehlen, wo wir hinsehen. Die zerstörerischen Folgen menschlicher Ausbeutung für unsere Erde und das Leben auf dieser Erde können wir je länger desto weniger übersehen. Und es macht uns Sorge, wenn aus welchen Gründen auch immer menschliches Leben, etwa in der vieldiskutierten Forschung mit embryonalen Stammzellen, zur Sache verkommt, mit der wir unsere Zwecke verfolgen, statt daß es immer letzter Zweck bleiben würde. So hat das ja schon Kant formuliert: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden ändern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest!"

Was gut ist, das glauben wir zu wissen. Und erst recht können wir noch und noch aufzählen, was nicht gut ist und was also zu ändern wäre. "Alles Gute": das als Gottes Willen zu tun und also zu verändern, was nicht gut ist, das lässt sich wenigstens in seinen groben Umrissen beschreiben. Aber damit bleiben wir ja gerade allein, hin- und hergerissen zwischen idealistischem Wollen und der Resignation, die sich unweigerlich einstellt, wenn wir dann doch nicht zu Wege bringen, was gut ist und also sein sollte. Der kluge und fromme Friedrich Christoph Oetinger hat dazu schon vor zweieinhalb Jahrhunderten einen beherzigenswerten Grundsatz aufgestellt: "Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden." Das ist übrigens auch ein Wunsch.

Lassen wir uns durch diesen Wunsch zu den Wünschen im Schlussteil des Hebräerbriefes zurückführen. Dort bei Oetinger wie hier in unserem Predigttext geht es ja nicht nur um das Schlechte, das verändert werden, und das Gute als Gottes Willen, das durch uns geschehen soll. Da ist vielmehr zuerst und vor allem Gott selbst mit im Spiel. Freilich läßt sich dieser Gott nicht herbeizitieren wie die gute Fee im Märchen oder mit herumtragen, wie der dienstbare Geist in der Flasche. Auch in unseren Gottesdiensten, auch in den Gottesdiensten dieser "österlichen Freudenzeit" sollten wir also besser nicht versuchen, miteinander ein bisschen heile Welt zu spielen, in der wir über Gottes Gegenwart und also die Güte unserer Welt verfügten. Wir können uns daran allenfalls erinnern.

So setzt ja der Hebräerbrief in seinen Wünschen ein, daß er diese Erinnerung beschwört: "Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat..." Ich brauche das jetzt nicht weiter auszumalen. In der Passionszeit, in der Karwoche vor allem, an Gründonnerstag und Karfreitag haben wir diese Geschichte gehört und bedacht. An Ostern ist sie uns erzählt worden. In knappster und dichtester Form sprechen wir sie in unserem Glaubensbekenntnis nach: "Jesus Christus..., gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren, in den Himmel!" Es ist diese Geschichte, in der sich jener Gott des Friedens identifizieren läßt, der dafür steht, daß die Wünsche sich erfüllen, die am Schluss des Hebräerbriefes stehen.

Wenn ich Kindern eine Geschichte erzählt oder vorgelesen habe, dann haben sie immer wieder zuerst gefragt: Geht sie auch gut aus, diese Geschichte? Nicht nur bei unseren Kindern ist das so, daß sie eine Geschichte hören wollen, die gut ausgeht. Ob wir sie lesen, ob wir sie im Film oder im Fernsehen erzählt bekommen: auch wenn es da zu schlimmen Verwicklungen kommt im Laufe einer solchen Geschichte - so richtig zufrieden sind wir doch erst dann, wenn es schließlich gut ausgegangen ist. Sie ist gut ausgegangen, diese Geschichte, durch die sich Gott selbst identifizieren läßt. Er war dabei. Er hat den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt. Ich will das unterstreichen: Weil Gott dabei war in dieser Geschichte, darum ist sie gut ausgegangen. Denn Geschichten, in denen unser Gott dabei ist, die gehen nun einmal gut aus.

Stimmt das? So lässt sich dann gewiss weiter fragen. Einen schlüssigen Beweis dafür, dass diese Geschichte mitsamt ihrem guten Ausgang wahr ist, an die wir in unserem Glaubensbekenntnis erinnern, kann es nicht geben. Wir werden uns da auf die Erinnerung einlassen müssen, die in der Christenheit von Generation zu Generation weitergegeben worden ist, die wir Jahr für Jahr in der Festzeit unseres Kirchenjahres feiern, mit der wir umgehen, wenn wir unsere Lieder singen, wenn wir miteinander Abendmahl halten.

Was bringt uns diese Erinnerung? Da ist sicher oft einmal der Wunsch: Wäre ich doch auch dabei gewesen in dieser Geschichte. Wäre ich doch dem auferstandenen Herrn auch begegnet, hätte ihn gesehen und erkannt wie die Maria Magdalena, wäre mit ihm gegangen, wie die Jünger, zu denen er sich auf dem Weg nach Emmaus gesellte. Dann würde es mir leichter fallen zu glauben. Aber so geht das nicht. In der Tat: so können wir nicht in diese Geschichte hinein kommen, auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen. Bleiben wir darum besser bei unserem Text: Die Wünsche an seine Adressaten, mit denen der Hebräerbrief schließt, zeigen uns, wie wir selbst mit dabei sind. Dabei sind wir in dieser Geschichte, die im Namen Jesu ihre Eigenart hat, dieser Geschichte, von der wir wissen: weil Gott ihn, Jesus, vom Tod auferweckt hat, darum geht diese Geschichte gut aus.

Das ist der Wunsch unseres Briefschreibers, von dem er gewiss ist dass er wahr werden wird: "Gott mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt." Nicht so kommen wir hinein in diese Geschichte, daß wir uns aus unserer eigenen Zeit herausträumen in eine fremde, eine weit entfernte Vergangenheit. Diese Geschichte kommt vielmehr zu uns. Sie liegt sozusagen vor unseren Füssen. Das nicht nur in der Erinnerung, in unserem Feiern, in unserem Bekennen und Singen, in dem wir uns diese Geschichte vor Augen stellen. In dem Willen Gottes, den wir tun, besser: den er durch uns tut, sind wir mitten drin in dieser Geschichte. So wünscht es uns der Autor des Hebräerbriefes.

Wenn ich das nun freilich detailliert beschreiben müsste, geriete ich in einige Verlegenheit. Ich will ja nun nicht Geschichten von mir selbst erzählen. Sicher: Da oder dort ist mir geholfen worden. Ich habe gehört und verstanden und konnte mich an gute Worte halten. Ich wurde getragen und gehalten durch Menschen, mit denen mich der Glaube verbunden hat oder doch ein gemeinsames Ziel. Das gehört zu meiner persönlichen Geschichte dazu, und so ist diese persönliche Geschichte doch wohl verflochten mit jener Geschichte, die durch den Namen Jesus Christus bestimmt ist. Vielleicht habe ich auch selbst geholfen, ein gutes Wort gesagt, beschützt und geführt und auf den Weg gebracht, was Gott wollte. Konnte ich mich mit anderen Leuten zusammentun und etwas ausrichten, was an der Zeit war. Aber was da Gottes Wille war, das weiß ich nicht so genau, und will da über mich selbst wie über Andere nicht urteilen. Und ich denke: das ist gut so, auch das. Denn wenn ich mich erinnern will an die Geschichte, die gewiss gut ausgeht, weil Gott bei dieser Geschichte ist, dann halte ich mich an die Geschichte Jesu Christi. Dazu ist diese Geschichte da, und so erzählen wir diese Geschichte als Christen, die sich zu Jesus Christus halten.

Kann ich anders, als Ihn zu preisen, meinen Heiland und Herrn Jesus Christus, den Gottessohn, meinen Bruder, der mich teilhaben läßt an seiner eigenen Geschichte? Du, Jesus, hast Dich zu uns gestellt, zu denen, die schwach sind, ohnmächtig gerade in ihren frommen Wünschen und in ihrem guten Willen. Du hast unsere Schwachheit und unsere Verfehlungen auf dich genommen. Du bist den Kreuzestod gestorben und hast so die Wahrheit unseres verfehlten und sündigen Menschseins ans Licht gebracht. Du hast in Deinem Tod die Macht des Todes und der Hölle besiegt und uns den Weg zum Leben aufgeschlossen. Durch Dich sind wir hineingenommen in Gottes Leben. Und wo wir uns verfehlen, gerade auch mit unserem guten Wollen, das doch nicht zum Ziel führt, da führst Du uns Deinen Weg. Grosser Hirte der Schafe, die Dir gehören und Deiner Stimme folgen: ich danke Dir und preise Deinen Namen. Dir allein gebührt die Ehre und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!

So ist es gut und richtig. Kann all unser Wünschen anderes und mehr wollen, als dass wir so mit dazugehören zu dieser Geschichte, die gut ausgeht, weil unser Gott, der Gott des Friedens, der Vater Jesu Christi, bei dieser Geschichte dabei ist? Ihm allein gehört die Ehre!
Amen.

Als Lied nach der Predigt empfehle ich EG 103, 1-6: "Gelobt sei Gott im höchsten Thron..."